Artikel eines Vortrages aus Anlass des Symposions 08 in Wagrein des Vereins zur Verzögung der Zeit

Zeiten(w)ende = Paradigmenwechsel?
von Sepp Rothwangl
 
Was erlauben sie sich ...“ war das diesjährige Motto des Symposions der „Zeitverzögerer“ und wurde vom Autor dieses Artikels mit „... uns die Tage und Jahre weiterhin so einzuteilen?“ ergänzt.
 

Vorwort
Die obigen Fragestellungen beleuchten die Ursprünge des weltweit herrschenden Gregorianischen Kalenders und dessen Entstehung aus antiken Kulturen und Verknüpfung mit Mythen und früheren Weltbildern bzw. Paradigmen.
Der Zugang ist dabei vorerst ein geschichtlicher und basiert auf etwa 30-jähriger Grundlagenforschung, beginnend mit Archäoastronomie, Sternkunde und Mythologie, erfordert Kalendercomputistik und eröffnete neue historische Quellen.
Für den astronomischen Laien ist es daher für wirkliches Verständnis erforderlich, sich mit einigen Fakten wie den Erdbewegungen, der Präzession und kommensurablen Planetenperioden vertraut zu machen.
Den Menschen berührt zwar persönlich die Zeiteinteilung aus dem Gesichtspunkt der Lebenswertigkeit viel mehr, dies ist aber nur am Rande Gegenstand dieser Betrachtung. Daher ist diese Überlegung dem Leser vorerst selbst überlassen, bzw. muss Gegenstand einer späteren Betrachtung sein.
Einen Vorschlag für einen Kalender der Zukunft derzeit schon zu machen, scheint unnütz, denn kaum jemand würde seine Notwendigkeit erkennen, und die Macht der Gewohnheit, aber auch die Macht des Kalendermonopols scheint unüberwindlich.
Ein zukünftiges Projekt muss aber sein für eine „Gute Zeit“ auch eine gute Zeitrechnung zu gestalten, die nicht auf überholten Weltanschauungen, Aberglauben und religiösen Wunschvorstellungen basiert, sondern auf wissenschaftlichen Fakten und heutigem Weltbild.
Um einem solchen zukünftigen Projekt den Weg zu ebnen, ist es daher erforderlich, die Wurzeln der jetzigen Zeitrechnung zu ergründen, um damit ihren Sinn und Wert zu hinterfragen.
Welch überragende Bedeutung dabei dem Jahr 2000 zukommt, ist das überraschende Ergebnis dieser Forschung. Leider wurde dieses Ergebnis weitgehend übersehen, auch von Philosophen, die zwar mit haarspalterischer Spitzfindigkeit sich auf den Beginn des neuen Millenniums konzentrierten, und als der Weisheit letzten Schluss feststellten, da es kein Jahr Null gab, logischerweise das Millennium erst mit 2001 beginnt. Die Jahresfestlegung selbst wurde als Irrtum dargestellt, wodurch das Jahr 2000 jede Signifikanz verliert. Doch weit gefehlt, wie sich in der folgenden kurzen Übersicht über den in seine Bestandteile zerlegten Kalender zeigt!
 
Der Tag
Die Einheit des Tages entsteht durch die Rotation der Erde um ihre Achse. Für die meisten Kalender ist der Tag, bestehend aus der Lichtphase während des Sonnentages und Dunkelphase der Nacht, die Basiseinheit der Zählung (eine Ausnahme ist das in der antike verwendete Tithi, eine mathematische Einheit, wobei 30 Tithis einen lunaren Monat ergeben). Nach heutiger Definition beginnt die neue Tageszählung um Mitternacht, in früheren und anderen Kulturen begann sie bei Sonnenaufgang oder bei Sonnenuntergang, wie noch jetzt im islamischen Kalender.
 
Die Woche
Die auf einer bestimmten Anzahl von Tagen bestehende Periode ist in verschiedenen Kulturen unterschiedlich lang. In Ägypten gab es eine 10 Tage- Woche, basierend auf Dekansternen, im antiken Rom einen achttägigen Marktzyklus, bei den Maya eine 20-tägige Periode.
Die Siebentagewoche kam von Mesopotamien über das Judentum ins christliche Abendland und basiert auf einem astro-horoskopischen System, das auf den sieben Planeten der Antike aufbaut. Im Italienischen, Englischen und Franzosischen wird diese Abstammung neben Sonntag und Montag auch für die anderen Wochentagsnamen ersichtlich: Martedi (Mars: Dienstag), Mercoledi (Merkur: Mittwoch), Iovedi (Jupiter: Donnerstag), Venerdi (Venus: Freitag), Saturday (Saturn: Samstag). Das früheste Zeugnis für die scheinbar chaotische Abfolge der Planetentage liefert Berossos,[i] ein Babylonier, der im 3. Jh. v. Zw. auf Kos eine Astrologenschule unterhielt:
Entsprechend der antiken astrologischen Ordnung der Planetensphären in der Abfolge Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond wurde jede der 24 Stunden des Tages einem Planeten zugeordnet. Beginnend mit dem Unheil verkündenden Saturn, zu dessen Stunde man besser nichts unternahm, endete der Planetenstundenzyklus in der 24. Stunde mit Mars, weshalb der nächste Tag mit einer der Sonne zugeordneten Stunde begann und deshalb zum Tag der Sonne wurde. In dieser Abfolge ergibt sich damit der bis heute übliche Wochentagszyklus.
 
Der Mondlauf
Die Phasen des Mondes entstehen durch die von der Erde aus unterschiedlich sichtbare Beleuchtung durch die Sonne. Bevor der Sonnenlauf zum wesentlichen Kalenderbestandteil wurde, waren der Mond und seine Phasen die wichtigsten „Zeitgeber.“ Im jüdischen, islamischen Kalender und in den christlichen mondgebundenen Tagen, wie Ostern, Pfingsten usw. ist der Mond heute noch bestimmend.
 
Der Monat
Offensichtlich verdanken wir die 12-Teilung des Jahres und des Tierkreises dem Lauf des Planeten Jupiter, wie ein babylonischer Schöpfungsmythos zeigt. Dort wird die Schöpfung Belus, der mit dem Gott Marduk/Jupiter identisch ist, zugeschrieben, weil er den Himmel einteilte:
Er (Belus/Marduk) schuf die Stationen der großen Götter;
Die Sterne, deren Bilder, und die Sterne am Tierkreis setzte er fest.
Er ordnete das Jahr und teilte es in seine Teile (mizrata);
Für die 12 Monate stellte er (je) drei Sterne hin.

Dieser Text erklärt die Einteilung des Himmels in die zwölf Sternbilder bzw. Zeichen des Tierkreises, die wiederum in je 3 Dekane eingeteilt sind. Dass der Planet Jupiter dafür verantwortlich gemacht wird, folgt aus seinem Lauf: Jupiter braucht 12 Jahre für einen Umlauf um die Sonne, er steht daher jedes Jahr in einem anderen Sternbild bzw. Zeichen mit der Länge von 30°. In zwölf Jahren teilt er so den Himmel in 12 Teile. Weil Jupiter etwa ein Drittel des Jahres rückläufig erscheint und sich dann von Ost nach West um etwa 10° retrograd bewegt, teilt er jedes Zeichen in drei gleiche Teile. Er markiert damit ein Drittel jedes Zeichens mit je einem Dekan, was somit in Summe die 36 Dekane am ganzen Tierkreis ergibt.
 
Das Jahr
Das Jahr ergibt sich durch die Umrundung der Sonne durch die Erde. Von der Erde aus wandert dabei die Sonne durch die Sternbilder der Ekliptik, die verborgene Bahn der Sonne, wobei sie das jeweilige Sternbild, in dem sie sich befindet mit ihrem Leuchten überstrahlt. Das tropische Jahr ist die Dauer dieser Umrundung vom Frühlingspunkt bis zu seiner Wiederkehr. Die kalendarische Länge des Jahres wird von der Anzahl der Tage des tropischen Jahres bestimmt und durch die Schaltregel festgelegt. Hier sei darauf hingewiesen, dass der Kalender keine physikalische Dimension der Zeit enthält, da diese gleichsam bei der Division der Jahresdauer durch die Tagesdauer herausgekürzt werden, um die Anzahl der Tage des Jahres zu erhalten.
Der Beginn der Jahreszählung ist spezielles Forschungsgebiet, worauf der Autor in der Folge näher eingehen wird. Weitere kalendarische Größen sind dabei entscheidend.
 
Die Kreiselbewegung, die Präzession, die Zeitalter
Zugleich mit der Eigenrotation (Tag) und der Sonnenumrundung (Jahr) vollführt die Erde eine weitere Eigenbewegung: die Kreiselbewegung. Die Erdachse beschreibt dabei in ca. 26.000 Jahren einen Doppelkegel, wobei die Erde auf immer wieder andere Sterne mit ihrem Pol weist, d.h. der jetzige Polarstern wird daher seine Funktion verlieren. So wird in ca. 13.000 Jahren Wega (im Sternbild Lyra) die Polarsternfunktion ausüben, bzw. gab es vor etwa 6000 Jahren einen anderen Polarstern mit Thuban, (arab. Drache) im Sternbild Draco.
Durch diese Kreiselbewegung kommt es auch zur Verschiebung des Frühlingspunktes gegenüber den Sternbildern, d.h. ein Sternbild nach dem anderen verschiebt sich je nach Größe alle etwa 2000 Jahre gegenüber den Jahreszeiten. Der Wechsel der Frühlingssternbilder von Stier zu Widder und weiter zu Fische ist in vielen, auch biblischen Mythen überliefert[ii]: Moses überwindet das Goldene Kalb (eine Verballhornung von Taurus) und wird mit Widderhörnern dargestellt. Spuren der Präzession finden sich auch in christlichen Wortschöpfungen, wo ICHTHYS das lateinisierte griechische Wort für Fische das erste Akrostichon für Jesus Christ wurde:
Iesous CHristos Theou HYios Soter (Jesus Christ, Sohn des Gottes, Retter).

Der Begriff Präzession stammt vom großen griechischen antiken Astronomen Hipparchos von Nikaia (ca. 150 v. Zw.). Er bestimmte auf Grund der Verschiebung von Spika (Hauptstern von Virgo) gegenüber dem Herbstpunkt den Wert des „Fortschreitens der Tagundnachtgleichen“ allerdings fälschlich mit 100 Jahren pro 1°, statt ca. 72J/1°. Der zu große Wert von Hipparch wurde von Ptolemaios übernommen und bis ins endende Mittelalter von christlichen Astronomen verwendet. Jüngst entschlüsselte Tontäfelchen und Papyri lassen aber den Schluss zu, dass schon mehr als ein Jahrhundert zuvor Babylonier (Kidunnu) und der Heliozentriker Aristarchos von Samos schnellere Werte der Präzession ermittelt haben, weil sie sowohl tropische, wie auch siderische Jahreslängen kannten.[iii] Der Unterschied zwischen beiden ist nämlich Ursache der Verschiebung der Jahreszeiten gegenüber den Sternen. Frühmittelalterliche arabische und indische Astronomen verwenden schließlich den Wert von 66 2/3 Jahren pro 1°, was 666 Jahre pro Dekan (10°), bzw. 2000 Jahre pro 30° ergibt.
 
Die Jahreszählung
Die Einrichtung der Anno-Domini-Zählung ist dem skythischen Mönchsgelehrten Dionysius Exiguus (Dionysius der Geringe) zu verdanken. Er lebte vor etwa 1500 Jahren und war Autor der Collectio Dionysiana und der Kanone der Konzile und Synoden von Nizäa,  Konstantinopel Calcedon und Sardica[iv] und übersetzte eine Reihe Werke griechischer Philosophen für den Papst. Gemäß Patrologia Latina erstellte er die AD Zählung, indem er eine neue Oster-Berechnung schuf, die er mit dem Titel CYCLUS DECEMNOVENNALIS DIONYSII (19-jähriger Dionysischer Zyklus)[v] veröffentlichte. Darin erklärt er unter dem Vorwand, dass das Ende des Oster-Zyklus von Cyril im Jahr 147 nach Diokletian der Grund war, einen neuen Oster-Zyklus im folgenden Jahr (532 AD) zu beginnen, welches er aber nicht mehr nach den Diokletian-Jahre datiert, sondern an die fiktive Inkarnation (Empfängnis) Christi bindet. Da es einen 532-jährigen Kalenderzyklus gibt, ist dadurch der Beginn der Jahreszählung mit dem 25. März 1 AD (einstiger Frühlingsbeginn) entstanden.
Dass Dionysius dabei in Konflikt mit historischen Fakten[vi] (Tod des Herodes 4 v. Zw.) und zuvor verwendeten Chronologien gerät, die er sicherlich gekannt haben musste, wird von Kirchenseite als Irrtum erklärt.[vii]
Dass Dionysius jedoch ein anderes Ziel vor Augen hatte und entsprechend dem wissenschaftlichen und religiösen Paradigma seiner Zeit handelte, zeigt ein Blick auf das damalige Weltbild.[viii]
 
Das Weltbild zur Zeit des Dionysius
 
Das Grosse Jahr
Seit der Antike besteht die Idee, dass der zyklische Lauf der Planeten die Zeit hervorbringt[ix], was in der Vorstellung gipfelt, dass auch die Ereignisse auf Erden diesem Zyklus unterliegen würden. Plato drückt dies so aus:
„Nichtsdestoweniger ist es möglich zu begreifen, dass die vollkommene Zahl der Zeit das vollkommene Jahr in dem Augenblick erfüllt, wenn die relativen Geschwindigkeiten aller acht Umdrehungen ihren gemeinsamen Lauf vervollständigt haben und ihre Erfüllung erreicht haben, wie durch den Kreis des Selben (des Himmelsäquator) gemessen wird, der sich gleichförmig bewegt.“ (PLATO, Timaios 39c-d).

Eudemos, ein Schüler des Aristoteles und Lehrer am Lykeion in Athen, lehrte:
"Es gibt ein gemeinsames Vielfaches aller Umlaufzeiten, das Große Jahr, nach dessen Ablauf alle Planeten wieder an derselben Stelle stehen."
Die Wiederkehr aller Dinge (apokatastasis pantoon) war die gedankliche Konsequenz, wie sie Eudemos formulierte:
„Wenn man den Pythagoräern glauben soll, so werde ich auch künftig so, wie alles der Zahl nach wiederkehrt, euch hier wieder Märchen erzählen, dieses Stöckchen in der Hand haltend, während ihr ebenso vor mir sitzen werdet. Auch alles andere wird sich ebenso wiederholen!“

In Folge dieser Idee schrieb der Stoiker Heraklitus vor etwa 2000 Jahren auch die griechische Erschaffung der Menschen durch Prometheus, die das Olympische Symposion auslöste, einer Konjunktion aller Planeten zu: „Einige Leute meinen, dass die Konjunktion der sieben Planeten in einem Sternzeichen diesen Worten von Homer entsprechen, und auch die Zerstörung der Welt, wann immer diese geschehen sollte. Er (Homer) spielt an den Tumult des Universums an, wenn er Apollo, d.h. die Sonne und Artemis, die wir mit dem Mond, sowie die Sterne von Aphrodite, von Ares, von Hermes und von Zeus kennzeichnen, (zum Symposion) zusammenbringt. In dieser Art, um nicht unwissend zu erscheinen, müssen wir diese Allegorie eher wegen ihrer Überzeigungskraft als wegen ihrer Wahrheit akzeptieren.“ (HERACLITUS STOICUS, Quaestiones homericae, 53)
Dass diese Sichtweise auch schon Teil des frühen christlichen Gedankenguts war, lässt sich an Hand einer Passage des Neuplatonikers Nemesius nachweisen. Es erklärt, dass, wenn die Planeten zum gleichen Zeichen wie am Anfang zurückkommen, die Welt von neuem wiederhergestellt würde, und dass die Christen sich die Auferstehung durch diese Art der Wiederherstellung vorstellen: „...der Weltenbrand und die Zerstörung alles Seins wird, nach feststehenden Zeitperioden, durch die Planeten verursacht, wenn sie, in Länge und in Breite, zum gleichen Zeichen zurückkommen, in dem ein jeder von ihnen am Anfang war, als die Welt zuerst geformt wurde. Dann von Anfang an wird die Welt von neuem wiederhergestellt. Da die Sterne ähnlich zurück gebracht werden, wird alles, was in der vorhergehenden Periode auftrat, ohne irgendeine Änderung wiederhergestellt. Es gibt wieder Socrates und Plato und jeden Mann, mit seinem Freund und Zeitgenossen... alles wird genau dasselbe ohne irgendeine Änderung bis in die kleinsten Details sein. Die Leute sagen, dass die Christen sich die Auferstehung auf diese Art der Wiederherstellung vorstellen.“ (NEMESIUS, De Natura hominis, 38)
Die enorme Anzahl antiker Autoren, die über die Lehre vom Großjahr schrieben, zeigt, dass diese Idee für zeitliche Orientierung die geläufigste und mächtigste war.

Anno Mundi und der drohende Siebente Tag
Christliche Weltgeschichten und Chronologien vor Dionysius basierten auf der biblischen Genesis und seinem Schöpfungsbericht, was als Analogie zur Menschheitsgeschichte herangezogen wurde:
„Gott vollbrachte in sechs Tagen das Werk seiner Hände; und er beendete es am siebten Tag und ruhte am siebten Tag und segnete ihn. Bedenkt, meine Kinder, was dies kundtut, er beendete es in sechs Tagen. Die Bedeutung davon ist diese, dass in sechstausend Jahren der Herrgott all diese Dinge zu einem Ende führen wird. Denn für ihn ist ein Tag wie tausend Jahre; wie er selbst mit den Worten bekundet. Siehe da, dieser Tag soll sein wie eintausend Jahre. Deshalb werden in sechs Tagen, das sind sechstausend Jahre, alle Dinge vollbracht sein. Und es ist, wie er sagt. Und er ruht am siebten Tag: Er meinte dies, dass, wenn sein Sohn kommen wird und die Zeit des Bösen abschafft und die Gottlosen richtet und die Sonne und den Mond und die Sterne ändert; dann wird er glorreich ruhen am siebten Tag.“
Apokryphe Apostelgeschichte des Barnabas 13.3-6.

In Anlehnung an die Bibelworte versuchten die frühen christlichen Weltgeschichten den biblischen Siebentagezyklus der Genesis mit der Geburt von Jesus zeitlich zu verknüpfen. Der erste Versuch erfolgte durch Sextus Julius Africanus zu Beginn des 3. Jh. mit Hilfe seiner Anno-Mundi-Chronologie. Für die Menschheit war darin ein Zeitrahmen von 6000 Jahren ab Erschaffung der Welt vorgesehen, in Anlehnung an Psalm 90:4 „Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.“ und 2. Petrusbrief 3:8 „Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.“
Danach, am Siebenten und zugleich Jüngsten Tag sollte die Auferstehung der Toten kommen. Die Geburt von Jesus wurde von Africanus auf das Weltenjahr 5500 gelegt, um dem Bibelwort Rechnung zu tragen: "Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind nun schon viele Antichristen gekommen; daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist" (1. Joh 2:18).
Damit entspricht AM 5500 der elften Stunde von den verfügbaren zwölf (6000 : 12 * 11 = 5.500).
Die Folge dieser Anno Mundi Zählung war jedoch fatal, denn 500 Jahre nach der Datierung von Christi Geburt drohte der Weltuntergang. Schon 100 Jahre davor wurde dies offenbar:
"Am Übergang vom 4. zum 5. Jh., d. h. genauer zum Zeitpunkt, als die barbarischen Invasionen apokalyptische Ängste aufkommen ließen, schrieb der afrikanische Bischof Julius Hilarianus z. B. eine Abhandlung über die "Dauer der Welt", in der er 5530 Jahre seit der Schöpfung bis zur Kreuzigung Christi, und 369 Jahre von dort bis zum Konsulat von Caesarius und Atticis (397 CE) rechnete; damit verblieben, so schloss er, bis zur Auferstehung der Toten noch 101 Jahre."[x]
Der aktuelle Anlass für Dionysius eine neue Zeitrechnung zu erfinden, war also ein auf der Jahreszählung begründeter Weltuntergang während seiner Lebenszeit. Wie sich zeigen wird, war das Ziel des Dionysius das Eintreffen des Jüngsten Tags an Hand einer Konjunktion aller Planeten in der Zukunft zu finden. Dass dies spätantiken christlichen Vorstellungen entsprach, zeigen das obige Zitat von Nemesius aber auch zahlreiche Fresken von Jenseitsvorstellungen mit dem „Mahl der Sieben“ in römischen Katakomben, wo offensichtlich die sieben Planetengötter beim gemeinsamen Mahl (lat: coniunctio = griech: symposion) dargestellt wurden.
In diesem Zusammenhang sei ein Zeitgenosse von Dionysius erwähnt: der indische Astronom Aryabhata von Kusumpara. Er berechnete mit Hilfe der kommensurablen Perioden der Planeten eine Konjunktion etwa 3600 Jahre vor seiner Zeit, auf die er den Beginn der indischen Kali Yuga Ära datierte. Sie begann am 17. Feb. 3102 v. Zw. Sensationellerweise hat sich dieses Datum auch im Westen überliefert, denn im 8 Jh. datiert der islamische, aus Chorasan gebürtige Astrologe Abu Ma’shar el-Balchi (Albumasar)[xi] auf dasselbe Jahr die Flut.

Die Apokalypse
Die Auferstehung der Toten, mit der Wiederkehr von Jesus zeitlich verknüpft, ist ein zentrales Glaubensdogma der Christen und wird in der Offenbarung des Johannes und zahlreichen Anspielungen der Evangelien behandelt. Besonders die Apokalypse enthält viele verschlüsselte Anspielungen auf Himmelskunde. So sagt der große Kenner antiker Sternkunde Franz Boll: „Es ist nach so manchen bisher gefundenen Parallelen der apokalyptischen  Vorstellungswelt mit der astrologischer Texte nicht anders zu erwarten, als dass in der Apokalypse der GESTIRNTE HIMMEL und seine Gestalten eine besondere Bedeutung haben müssen.“[xii]
Schon am Beginn der Offenbarung findet sich einen Hinweis für ihre Entschlüsselung, denn schon die Einleitung stellt eine Anspielung auf die sieben Planeten dar, weil sie die sieben Sterne ausdrücklich mit den Engeln bzw. die Leuchten mit den angesprochenen sieben Gemeinden von Kleinasien gleichsetzt. Die Sterne oder Engel, bzw. Geister sind klar als Artemis von Ephesus zu erkennen, wo im Altertum das größte Hauptheiligtum der Mondgöttin war; - oder als Zeus, der den Planeten Jupiter darstellt, mit seinem berühmten Altar in Pergamon, einem der sieben antiken Weltwunder, usw.:
„Sie sprach: schreib in ein Buch, was du siehst, und schick es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea....“ (Offb1,9)
„Das Geheimnis der sieben Sterne, ...bedeutet dies: Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden.“ (Offb 1,20)
Die sieben Planeten spielen also eine wesentliche Rolle in der Offenbarung. Diese liefert auch einen deutlichen Hinweis auf das Ende der Zeit mit dem Auftreten des Antichrist, der mit der Zahl des Tieres gleichgesetzt wird. Diese Zahl 666 lässt sich leicht als Wert der Präzession pro Dekan (10°) identifizieren.
Eine weitere astromythische Interpretation der Apokalypse sprengt den Rahmen dieses Artikels, weshalb auf weiterführende Literatur verwiesen wird[xiii] [xiv].

Das Jahr 2000
Wie die Untersuchung des wissenschaftlichen und religiösen Umfelds von Dionysius zeigt, ist es logisch, dass er den Jüngsten Tag im Auge hatte, der durch die Anno Mundi Chronologie während seiner Lebenszeit eintrat, und dessen zukünftiges Eintreten er an Hand einer Konjunktion der Planeten berechnete, die er 1500 Jahre nach seiner eigenen Zeit fand. Für ihn musste das Ergebnis dieser Berechnung zugleich auch das Ende des Fischezeitalters markieren und das Eintreten des Zeitalters Wassermann bedeuten. Sensationeller Weise findet sich in einer mittelalterlichen Handschrift mit der  Kopie der Aratea des Germanicus eine Sternkarte, wo an der üblichen Stelle des Wassermann ein gehörntes Tier abgebildet ist.[xv]
Dionysius markierte auf Grund der frühmittelalterlichen Präzessionskonstante von 666J/10° (2000J/30°) den Beginn des Zeitalters Fische konsequenterweise 2000 Jahre vor seiner vorausberechneten Konjunktion und setze so mit der fiktiven Fleischwerdung Christi das Jahr 1 AD fest. Tatsächlich fand am 5. Mai 2000 eine sensationelle Konjunktion der klassischen Planeten innerhalb einer Spanne von nur 26° statt. Sie war der eigentliche Grund für Festlegung von1 AD auf einen Zeitpunkt 2000 Jahre davor.
Als Ergebnis dieser Betrachtung folgt logischerweise, dass mit dem Jahr 2000 der Gregorianische Kalender, der diese Jahreszählung verwendet, seinen Zielpunkt erreicht hat, ja deshalb quasi ausgelaufen ist. Damit endet in konsequenter Weise auch ein Paradigma, bzw. ein Paradigmenwechsel steht an. Die christliche Kirche, die durch Bereitstellung der irdischen Zeitrechnung den Anspruch erhob, auch im Jenseits die Zeit bereit zu stellen, und sich dies durch den Ablasshandel bezahlen ließ, auf den bis heute der maßgebliche Reichtum der katholischen Kirche beruht, ist nun eigentlich in der Situation ihr Versprechen einlösen. Dass der Jüngste Tag tatsächlich für viele eintrat, beweist eine Reihe unglücklicher Gläubiger, die mit dem Eintreten des Jahres 2000 das Ende der Welt fürchteten und ihn vorwegnahmen:
Weitere Beispiele solch krankhafter Auswüchse des Kalenders als sich selbst erfüllende Prophezeiungen seien hiermit erspart, aber durch ein Zitat von Voltaire erklärt: Wer an Absurditäten glaubt, begeht Grausamkeiten. Ist damit aber vielleicht auch erklärt, warum so viele Menschen sich abergläubig an Astrologie und Horoskopen halten? Ist der Grund, dass sie unterbewusst wahrnehmen, wie sehr in Wahrheit noch immer astrologische und abergläubige Inhalte des Kalenders das alltägliche Leben beeinflussen?

Schlussbemerkung
Obwohl auch die moderne Kosmologie scheinbar unlösbare Paradoxien enthält, glaubt das moderne Weltbild nicht mehr an die Absurditäten, auf denen die christliche Jahreszählung basiert. Trotzdem aber benutzen heutige Historiker nach wie vor diese Zeitrechnung, die eigentlich ausgelaufen ist.
Ist diese Orientierung an einem fiktiven Zeitpunkt vor 2000 Jahren, der eigentlich mit einer falschen Annahme auf einen Moment ausgerichtet ist, der vor kurzem stattfand, noch adäquat? Dazu werden manche sagen, was spielt es für eine Rolle, wie wir die Zeit rechen, wenn es funktioniert.
Dass es doch eine Rolle spielt, woran wir uns zeitlich orientieren, mag das folgende Beispiel illustrieren: Unsere scheinbar objektiven Zeitmaße wie Jahr und Tag kommen uns subjektiv einmal länger, einmal kürzer vor. Die Jahre erscheinen uns, mit fortschreitendem Alter kürzer zu werden. Dies mag wohl daran liegen, dass wir das soeben vergangene Jahr in Bezug setzen zur Dauer unserer insgesamt erlebten Jahre. Für einen Zehnjährigen dauert ein Jahr also ein Zehntel seines bisherigen Lebens, bei einem Fünfzigjährigen entspricht ein Jahr indes nur mehr zwei Prozent seiner bisherigen Lebenszeit. Je älter der Mensch wird, umso kürzer erscheint ihm ein Jahr und umso schneller scheint ihm also die Zeit zu vergehen.
Ist dies auch bei Zeitaltern so? Wird deshalb das Leben in der Moderne so hektisch? Haben wir unterbewusst deshalb so oft keine Zeit, weil uns ein Zeitalter zwischen den Fingern zerronnen ist, weil die Zeitrechnung abgelaufen ist?
Eines ist uns freilich klar: Zeitrechnung ist nicht Zeit!
Dennoch, wie bewusst ist uns dies wirklich im täglichen Handeln? Wie bewusst ist dies in unserer Kultur, die von Mythen enorm beeinflusst ist, und wo der Satz gilt: Das Unterbewusstsein von Völkern und Kulturen sind die Mythen.
Wie sehr Mythen wie das Große Jahr oder die Sternbilder auch die heutige Politik beeinflussen, bzw. die Politik Mythen benutzt, sollen zwei jüngste Beispiele zeigen, die wohl kaum auf Zufall beruhen: Die Inauguration des russischen Präsidenten Putin fand am Vorabend des 5. Mai 2000 statt und bei den Siegesfeiern des neuen amerikanischen Präsidenten Obama zeigten die TV-Nachrichten offiziell aussehende Plakate mit der Aufschrift: DAWN OF NEW WORLD. Auf diese Bilder folgte ein Ausschnitt des Musicals Hair mit dem Songtext: „This is the Dawning of Aquarius ...“.
Zu guter Letzt sei noch auf eine „begehbare Planetenkonjunktion“, den Planetenwanderweg „HIMMEL auf ERDEN“ zwischen Rettenegg und Stuhleck hingewiesen, wo sich Planeten-Modelle in Abstand und Größe im Milliarden-Maßstab in einer Konjunktion wie am 5. Mai 2000 in der Landschaft auf ca. 7 km aufgestellt sind.[xvi] Tafeln bei den Stationen beschreiben mythisches Weltbild und moderne Astronomie. Eine derartige Planetenstellung wird sich in sensationeller Weise nicht nur mit den klassischen antiken Planeten, sondern auch mit den neu entdeckten Uranus und Neptun genau am Frühlingstag in 666 Jahren (20. 3. 2675) wiederholen.

 
 
 
Bibliographie
[i] Schnabel, Paul: Berossos und  Babylonisch-Hellenistische Literatur, Hildesheim 1968.
[ii] Dechend, Herta von und Giorgio de Santillana: Die Mühle des Hamlet. Ein Essay über Mythos und das Gerüst der Zeit. Wien. 1994
[iii] Rawlins, Dennis and Keith Pickering: Continued Fraction Decipherment: the Aristarchan Ancestry of Hipparchos’  Yearlength & Precession. The Aristarchos Sidereal Year’s High Accuracy. His pre-Hipparchos Knowledge of Precession. Consistency & Cause of Greek Tropical Year’s Error. 1999.     DIO 9.1.3. pp 30-42
[iv] Peitz, Wilhelm M. S.I.: Dionysius Exiguus-Studien, Neue Wege der philologischen und historischen Text- und Quellenkritik. Berlin 1960
[v] CYCLUS DECEMNOVENNALIS DIONYSII, Webseite von Michael Deckers 2003, http://hbar.phys.msu.ru/gorm/chrono/paschata.htm
[vi] Ferrari D'Occhieppo, Konradin: Der Stern von Bethlehem. Berlin 1994
[vii] Geerlings Wilhelm.: Die Berechnung des Geburtsjahres Christi. Wissenschaftsmagazin der Ruhr-Universität Bochum. 2/1999
[viii] Rothwangl, Sepp: Consideration of the Origin of the Yearly Count in the Julian and the Gregorian Calendar. Cosmology Through Time. Ancient And Modern Cosmologies In The Mediterranean Area. Conference Proceedings, Astronomical Observatory of Rome, Monteporzio Catone. Edited by Sergio Colafrancesco, Giuliana Giobbi. 2003. ISBN 8884831520
[ix] Calatay de, Godefroid: Annus Platonicus. A Study of World Cycles in Greek, Latin and Arabic Sources. Universite Catholique de Louvain. Institut Orientaliste. Peeters Press Louvain - Paris. 1996
[x] Declercq, Georges: Anno Domini. The Origins of the Christian Era. Turnhout Belgium. 2000
[xi] Abû Ma’sar: The Book of Religions and Dynasties (On the Great Conjunctions). Volume I. Edited and translated by Keiji Yamamoto, Charles Burnett.  Leiden:  Brill, 2000
[xii] Boll, Franz: Spaera. Neue Griechische Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Sternbilder. Leipzig 1903
--: Aus der Offenbarung Johannis. Hellenistische Studien zum Weltbild der Apokalypse. Leipzig-Berlin 1914
[xiii] http://www.calendersign.com/de/pr_sterne_der_offenbarung.php
[xiv] Rothwangl, Sepp: Sternstunde 2000. Der Countdown zum Jüngsten Tag. Edition Styria Print, Graz. 1996. ISBN 3-901921-03-6
[xv] Haffner, Mechthild: Ein antiker Sternbilderzyklus und seine Tradierung in Handschriften vom frühen Mittelalter bis zum Humanismus. Untersuchungen zu den Illustrationen der Aratea des Germanicus. Hildesheim. 1997.
[xvi] http://www.calendersign.com/de/pl_planetenweg.php