Heribert Illig und seine These der erfundenen 300 Jahre  im Mittelalter auf dem astronomischen Prüfstand.



Von Sepp Rothwangl, Graz
Erschienen in raum&zeit Nr. 108

Der Germanist, Systemanalytiker und Gelehrte Dr. Heribert Illig sorgt mit seiner provokanten und phantastischen These, dass 297 Jahre des Mittelalters (von September 614 bis August 911) gar nicht stattgefunden hätten, sondern eine Erfindung und Zeitfälschung des „Jahrtausendkaisers“ Otto III. und seiner Zeitgenossen sei, seit einiger Zeit für hitzige Diskussionen. Auswüchse dieser Diskussion gleiten bereits in persönliche Beleidigungen ab, wobei Illigs These von den ärgsten Gegnern sogar mit der Ausschwitz-Lüge verglichen wird. Illig veröffentlichte im Wesentlichen diese These in seinen Büchern "Das erfundene Mittelalter", „Wer hat an der Uhr gedreht“ und dem Periodika "Zeitensprünge". Er stützt sich großteils auf Architekturkritik und schriftliche Urkunden, deren vermeintliches Fehlen oder ihre Enttarnung als Kopien und Fälschungen, ihn zur gewagten Vermutung veranlasst, die Zeit selbst, auf die sich diese Artefakte beziehen, habe nicht stattgefunden. Mit diesem Argument wendet Illig einen besonderen Trick an, mit dem er den traditionellen Historikern quasi den bisher sicheren Boden unter den Füßen wegzieht. Illig überschreitet dabei die Grenzen der Geschichtswissenschaft und kommt in Kontakt mit Stern- und Kalenderkunde und in ein Gebiet, das unter dem Namen Archäoastronomie eine relativ junge Disziplin bildet, tatsächlich aber der Spur einer der ältesten Wissenschaft folgt - der Zeiteinteilung.

Der folgende Artikel geht im Wesentlichen nicht darauf ein, wie und was im Mittelalter gefälscht wurde, sondern nur darauf, ob und wann überhaupt diese Zeit, in der z.B. Karl der Große gelebt hätte, stattgefunden hat.
Kern dieser Betrachtung ist der Lauf der Himmelskörper, der in diesem überblickbaren Zeitraum relativ kontinuierlich und rückberechenbar abläuft.
Nach dem Lauf der Sterne messen die Menschen den Lauf der Zeit, sagt Franz Boll. Für Unkundige, deren Kenntnisstand nicht auf Wissen, sondern auf Glauben beruht, entsteht daraus sehr schnell der Satz: „Der Lauf der Sterne bestimmt die Zeit!“ Worauf für Religiöse sich ableitet: „Der Himmel lenkt alles Irdische.“ Markante Ereignisse dieses Sternenlaufs wurden, egal ob aus Glaube, Aberglaube oder Wissen, aufgezeichnet und liefern Zeugnisse.
Durch das Motto "Die Sterne lügen nicht", sondern im schlimmsten Fall nur der, der über ihren Lauf berichtet, ergeben sich daraus sehr präzise Aussagen über das Verrinnen der Zeit, das synchron mit dem Sternenlauf verläuft. So lassen sich zum Beispiel gewisse markante Himmelserscheinungen, wie Sonnen- oder Mondesfinsternisse und Planetenkonjunktionen oft sehr genau datieren, sofern es auch nur vage Berichte davon gibt. Der Wandel der jeweiligen Frühlings- oder Herbststernbilder, d. h. die Präzession, gibt dabei den ungefähren Zeitrahmen, in dem eine oft sehr alte Schilderung kulturell eingebettet ist. Zeitliche Vergleiche mit Berichten und Chronologien fremder Kulturen erhöhen dabei die Redundanz wesentlich und würden die Zeitfälschung einer isolierten Region enttarnen. Kann ein Bericht über ein himmlisches Geschehen aus alter Zeit sicher identifiziert werden, so kann mit Sicherheit wegen des synchronen und kontinuierlichen Laufs der Himmelskörper mit dem der Verlauf der Zeit auf den Zeitrahmen bis dato geschlossen werden. Zeitlöcher, Zeitensprünge oder Dehnungen haben dabei keinen Platz. Der Himmelslauf ist ähnlich der einer Uhr, mit dem Unterschied, das er nicht stehen bleibt wie eine Uhr, wenn man diese nicht aufzieht. Auch das plötzliche Neuauftauchen oder ruckartige Bahnänderungen von Planeten und Polsprünge gehören ins Reich der Phantasie und haben im untersuchten Zeitraum sicher nicht stattgefunden.
Die unbestreitbare Exaktheit der heutigen Kenntnis über die Himmelsbewegungen, wie sie sich für jeden sichtbar bei der jüngsten Sonnenfinsternis auf die Sekunde genau als richtig herausstellte, lässt zwar keine präzisen Bahnberechnungen über viele Jahrzehntausende zu, dennoch aber reichen diese einige Jahrtausende weit.
Berichte über besondere und seltene Himmelserscheinungen aus Zeiten oder Örtern, die vor, innerhalb oder außerhalb des Zugriffs der von Illig vermuteten "Fälscherbande" liegen, lassen sich auf ihre Übereinstimmung mit dem heute bekannten Himmelslauf überprüfen. Es seien daher an Hand alter Berichte vorerst einige astronomische und kalendarische Argumente vorgelegt, die gegen Illigs These der erfundenen 300 Jahre im Mittelalter sprechen:

1. Die Berichte über die Sternorte von Spika seit Timocharis und eine kurze Geschichte zur Entdeckung und Ermittlung der Präzession.

Im antiken Griechenland wurde erstmals durch Hipparchos (etwa 150 BCE) das Ausmaß der Präzession entdeckt und ungefähr ermittelt. Schon mehr als 150 Jahre vor Hipparchos beschrieb der chaldäische Astronom Kidinnu, von den Griechen Kidenas genannt, dieses Phänomen. Kidinnu kannte auch bereits den Zyklus der Finsternisse, später Saros genannt. Die eigentliche Ursache des Fortschreitens der Äquinoktien, beruhend nämlich auf der Kreiselbewegung der Erdachse, wurde damals allerdings noch nicht erkannt, dennoch aber ihre Auswirkung beobachtet und verzeichnet. Hipparchos schätze den Wert der Veränderung der Äquinoktien auf Grund einer ihm vorliegenden älteren Überlieferung von Timocharis (ca. 300 BCE). Zu Timocharis' Zeit hatte der Abstand zwischen Spika und dem Herbstpunkt 8° betragen und hat in den 150 Jahren bis Hipparchos auf 6° abgenommen. Die beobachtete Veränderung hätte demnach 1° in 75 Jahren ausgemacht und käme dem heute errechneten Wert der Präzessionskonstante von 71,66 Jahren für 1° sehr nahe.
Dennoch aber nahm Hipparchos, wie wahrscheinlich Kidinnu vor ihm, das Ausmaß der Präzession fälschlich mit 100 Jahren für 1° an, vielleicht deshalb, um diese langsame Bewegung auf ganze Jahrtausende aufzurunden und mit dem babylonischen Zahlensystem zu harmonisieren.
Die 36 000 Jahre (10 x 60 x 60 entspricht 360°) in denen die Äquinoktien nach Annahme von Hipparchos den gesamten Tierkreis durchlaufen hätten, geben einen Hinweis auf das babylonische Hexagesimalssystem, das auch der Chaldäer Kidinnu verwendete.
Auf Grund dieser fälschlichen Annahme der Präzessionskonstante von 100 Jahren pro 1° ergibt sich für jeden 12. Teil des Tierkreises ein Zeitraum von genau 3000 Jahren. Heute werden hingegen für die Dauer des sogenannten Platonischen Jahres 25800 Erdenjahre angenommen. (71.66 x 360° = 25800).
Dieser Wert von 1° in 100 Jahren des Hipparchos wurde in der Folge auch durch Ptolemaios übernommen und fälschlich fortgerechnet, obwohl laut Beobachtung und Bericht durch Ptolemaios (150 n. Chr.) sich der Sternort (ekliptikale Länge) von Spika bereits auf 2° westlich vom Herbstpunkt verringert hatte, was ziemlich genau auch den heute zurück berechneten Werten entspricht. Dies zeigt, dass die antiken Astronomen ihrem fiktiven Zahlen-System mehr als ihren eigenen Beobachtungen, bzw. denen ihrer Vorfahren vertrauten.
Der Stern Spika aber hatte vor 2000 Jahren als Bezugspunkt und zeitlicher Orientierungsstern besondere auch symbolische und sprachliche Bedeutung, die bis heute gilt. Spika, hellster Stern und Kornähre des Sternbilds Jungfrau, heißt auf griechisch „era“ und lateinisch „arista“. Von diesen Namen leiten sich Begriffe wie Ära, Aristokratie und „geboren in der Jungfrau“ ab, womit allerdings das damals aufgehende neue Zeitalter gemeint war, das von der Präzession verursacht wird, deren Wert wiederum mit Spika ermittelt wurde. Am Morgen vor Sonnenaufgang zur Frühlingstag- und Nachtgleiche erhob sich nämlich Spika durch die Präzession auch langsam immer höher über den westlichen Horizont und wurde so zum für jedermann sichtbaren Maß der Zeit.
Etwa um das Jahr 300 n. Chr. dürfte Spika dieselbe ekliptikale Länge wie der Herbstpunkt (2° nördlich von Spika) erreicht haben. Im Jahr 325 fand das Konzil von Nicea mit der Festsetzung des christlichen Osterfestes statt. Damals stand ein Vollmond am Frühlingstag daher unmittelbar bei Spika im Sternbild Jungfrau!
Dazu als Vergleich: Im heurigen Jahr stand der Vollmond des Frühlingstages bereits im Sternbild LEO mit seinem Hauptstern Regulus, der von den frühen arabischen Astronomen Basilisk genannt wurde. Wegen der Präzession beginnt die Sonne des ersten Frühlingstages jetzt nämlich schon die Grenze des Sternbilds Wassermann (genau 180° gegenüber dem Vollmond) zu überwinden.
Dass allerdings der tatsächliche Wert der Präzessionskonstante für 1° nicht 100 Jahren entsprach, dürfte sicherlich bereits einigen spätantiken orientalischen Sternkundigen aufgefallen sein. Der wahrscheinlich früheste und sicher überlieferte Bericht darüber stammt von den, im arabischen Original verloren gegangenen „Tabulae probatae“ bzw. „az-Zig al-mumtan“ aus dem Jahren 829-830 CE, die von einer Präzessionskonstante von 66 bzw. 66 2/3 Jahren für 1° des Tierkreises sprechen, wie Abschriften und Berichte darüber zeigen.
Im Jahr 880 CE brachte ein weiterer Araber, Al Battani, einen Sternenkatalog mit 533 Sternen heraus, dessen Längen um 11° 10’ gegenüber jenen von Ptolemäus differieren. Der Sternort von Spika wurde bereits bei etwa 9,2° westlich des Herbstpunktes angegeben. Auch Al Battani rechnet mit einer Präzessionskonstante von 66,6 Jahren.
Das Fixsternbuch des as-Sufi, genannt Azophi, datiert auf den 1. Oktober des Jahres 964 CE, weist 12° 42’ Differenz zu den Sternorten des Almagest von Ptolemaios auf, wodurch der Sternort von Spika bereits etwa 10,7° westlich des Herbstpunktes angetroffen wird, was ebenfalls eine Konstante von 66,6 ergibt.

Bei allen Arabern fällt somit auf, dass sie als Präzessionskonstante nicht 100 Jahre, wie die alten Griechen und Ptolemaios, sondern den richtigeren Wert von 66 2/3 Jahren pro 1° des Tierkreises angenommen haben und damit die Sternorte von Spika seit Ptolemaios fortgerechnet haben. Dadurch erklärt sich auch die Diskrepanz von etwa 1°, zwischen den „arabischen“ bzw. „persischen“ Sternorten von Spika und jenen, die sich mit der heute bekannten Präzessionskonstante von 71,66 Jahren durch Rückberechnung auf diese Zeiten und Orte ergeben.. Dies führt zur Schlussfolgerung, dass die Orientalen damit rechneten, im Zeitraum von 2000 Jahren würden die Äquinoktien um 30° (ein Sternzeichen des Tierkreises) fortschreiten. (2000 : 30 = 66,6...)! Damit erhält nebenbei auch die Zahl 6-6-6 der Offenbarung des Johannes von Patmos über das von ihm beschriebene Ende des Zeitalters zusätzlich besondere astrologische und kalendarische Aussagekraft. In der Johannesapokalypse steht wörtlich: „Hier ist Weisheit: Wer es verstehen kann, berechne die Zahl des Tieres! Denn es ist die Zahl eines Menschen; seine Zahl ist 6-6-6“. (Offb. 13,18). 

Die folgende Graphik zeigt die vorliegenden Berichte antiker Autoren über die Abstände von Spika und dem Herbstpunkt:

  Jahreszahl
(CE)
Jahre vor
2000
Längen-Abstand
Herbstpkt/Spika lt.
dzt. Berechnung
(71,66 J. / 1°)
Längen-Abstand
Herbstpkt/Spika lt.
antikem Bericht
Längen-Abstand
Herbstpkt/Spika
(berechnet mit 66,6 J. / 1°) 
ab Ptol.
Antike angenommene
Präzessions-
konstante
Jahre/1°
Timocharis 300 BCE 2300 -8,3° -8°    
Hipparchos 150 BCE 2150 -6,2° -6°   100 J.
Ptolemaios 150 CE 1850 -2° -2° / -2°40' -2° 100 J.
Nicea 325 CE 1675 0,5°      
Al Battani 880 1120 8,2° 9,2° (11°10' seit Ptol.) 8,9° 66 2/3 J.
As-Sufi 964 1036 9,3° 10,7° (+12°42' 
seit Ptol.)
10,2° 66 2/3 J.

 

Es zeigt sich also: Das Wandern des Herbstpunktes seit dem Jahr 150 BCE (Hipparchos) bis 2000 CE entspricht genau 30°! (2150 J : 30° = 71,66 J/°). Da aus alter Zeit Berichte über diese Sternorte vorliegen und sie mit der tatsächlichen Präzession übereinstimmen, fehlt keine Zeit dazwischen, bzw. es zeigt sich, dass die Präzessionsuhr keine "Zeitensprünge" gemacht hat. Der Lauf der Präzession und alte Berichte darüber erlauben keine Zeitverkürzung, wie sie von Illig vermutet wird.

Bild:
Die Verschiebung des Herbstäquinoktiums durch die Präzession in den vergangenen 2300 Jahren

 

2. Die 10 Tagekorrektur bei der Gregorianischen Kalenderreform zum Julianischen Kalender seit Nicea.

Um seine These zu untermauern, verwendet Illig das Argument, die Gregorianische Reform von 1583 CE um die bekannten 10 Tage bezöge sich auf eine Korrektur des Zeitraums seit Frühlingsbeginn bei Julius Caesar. In den ca. 1600 Jahren seit damals hätte sich die Differenz zwischen dem Julianischen Kalender und dem tatsächlichen Himmelslauf auf 13 Tage addieren müssen, was sich aus der Differenz der Jahreslängen tatsächlich ergeben würde.
(365,25 x 1600 = 584400; 365,2422 x 1600 = 584387,52. Diff: 12,46 Tage). Da jedoch bei der Reform nur 10 Tage korrigiert wurden, sagt Illig, fehlen zweieinhalb Tage, denen die 300 Jahre entsprechen.
Hier macht Illig einen weiteren groben Fehler: Die Kalenderreform durch Gregor XIII. bezog sich nämlich ausdrücklich auf den Frühlingsbeginn zu Nicäa.
Wie ein genauer Blick auf "inter gravissimas", das Dokument der Gregorianischen Reform ergibt, war dessen Absicht, die Frühlings- Tag- und Nachtgleiche wieder auf jenen Frühlingstag des Kalenders, wie er zur Zeit des Konzils von Nicea im Jahr 325 war, zu verlegen. Die entsprechende Textstelle bei "inter gravissimas" lautet:

"…primum, certam verni aequinoctii sedem; deinde rectam positionem XIV lunae primi mensis, quae vel in ipsum aequinoctii diem incidit, vel ei proxime succedit; postremo primum quemque diem dominicum, qui eamdem XIV lunam sequitur; curavimus non solum aequinoctium vernum in pristinam sedem, a qua iam a concilio Nicaeno decem circiter diebus recessit, restituendum, et XIV paschalem suo in loco, a quo quatuor et eo amplius dies hoc tempore distat, reponendam,sed viam quoque tradendam et rationem, qua cavetur, ut in posterum aequinoctium et XIV luna a propriis sedibus nunquam dimoveantur. .."

Deutsch: 
... zuerst setzen wir das exakte Datum des Frühlings- Äquinoktiums fest; dann das genaue Datum des vierzehnten Tages des Mondes (Vollmond), der dieses Alter am selben Tag wie das Äquinoktium oder sofort danach erreicht, schließlich den ersten Sonntag, der diesem vierzehnten Tag des Mondes (Vollmond) folgt. Folglich wendeten wir diese Sorgfalt nicht nur an, damit es das Frühlings- Äquinoktium auf sein ehemaliges Datum zurückbringt, von dem es bereits ungefähr 10 Tage seit dem Konzil von Nicäa abgewichen ist, sondern damit dem vierzehnten Tag des Oster- (Voll-) Mondes sein rechtmäßiger Platz gegeben wird, von dem er jetzt vier und mehr Tage entfernt ist, aber auch, damit dort ein methodisches und rationales System gegründet wird, das zukünftig sicherstellt, dass das Äquinoktium und der vierzehnte Tag des Mondes (Vollmond) sich nicht von ihren passenden Positionen bewegen.

 Die päpstliche Bulle stellt in der Folge noch zusätzlich klar, dass dieser Tag des Frühlingsäquinoktiums der "XII Kalendas Aprilis" ist, dem der heutige 21. März entspricht:
..."Deinde, ne in posterum a XII kalendas aprilis aequinoctium recedat, statuimus bissextum quarto quoque anno (uti mos est) continuari debere, praeterquam in centesimis annis..."
Wie sich aus Quellen und auch aus modernen Berechnungen des Erdenlaufs ergibt, war der Frühlingsbeginn damals, beim Konzil zu Nicäa, tatsächlich am 21. März.
Wie sich leicht errechnen lässt, ergibt die Diskrepanz zwischen der Julianischen Kalenderformel und dem wirklichem Erdenlauf in den 1258 Jahren zwischen Nicäa (325) und 1583 tatsächlich ca. 10 Tage. 
(1583 - 325 = 1258; 365,25 x 1258 = 459484,5; 365.2422 x 1258 = 459474,69; 459484,5 - 459474,69 = 9,81 Tage). 
Illigs Versuch, die Gregorianische Reform zur Haltbarkeit seiner These heranzuziehen, geht somit ins Leere.

Bild von "inter gravissimas" in Kosmos/Himmelsjahr 2000 oder auf URL.

3. Alte Berichte über seltene und bemerkenswerte Planentenkonjunktionen.

Der längst vergangene Lauf der Planeten hat seine Spur in alten Berichten hinterlassen und das Alter von so mancher Spur kann, ebenso wie die Fährte des Wildes vom geübten Fährtenleser, oder der Tatzeitpunkt durch den Gerichtsmediziner genau bestimmt werden. Der bekannteste Bericht einer wichtigen Konjunktion findet sich als Magierbericht im Mattheusevangelium. Der sogenannte Stern von Bethlehem ist mit Sicherheit eine dreifache Konjunktion der beiden Planeten Jupiter und Saturn im damaligen Frühlingssternbild Fische und galt als Bote eines neuen Zeitalters. Das durch die Präzession vor 2000 Jahren neu erstandene Frühlingssternbild Fische bot den Sternenhintergrund vor dem sich das himmlische Schauspiel der Planetenschleifen als Dreifachkonjunktion vollzog. ICHTHYS (Abk. IHS, griech. Fisch) wurde deshalb zum ersten Zeichen der Christen. Es gibt von diesem Himmelsereignis auch zahlreiche außerbiblische Zeugnisse in babylonischen Tontäfelchen. Der Evangelist hat dieses Ereignis in seine Geburtsgeschichte von Jesus einfließen lassen, um damit nach damaliger orientalischer Sitte Jesus zu einer himmlischen Geburt zu verhelfen und damit seine Stellung als Gottes Sohn, Retter und Messias zu verfestigen. Etwas später liefert Bar Kochba, der Sternensohn und Rebell gegen Kaiser Hadrian eine weitere jüdische Parallele, die heutigen New Age Bewegungen nicht unähnlich ist. Die Planetenkonstellation, bekannt als Stern von Bethlehem, fand jedoch im Jahre 7 BCE statt, was zur bekannten Diskrepanz von sieben Jahren von Christi Geburt und dem Kalender führt, auf die später genauer eingegangen wird.
Ein Vorläufer dieser dreifachen Konjunktion im Herbststernbild Jungfrau fand 523/522 BCE statt und wurde vom persischen König Darius politisch zur Festigung seines Reiches und der Gründung der Stadt Persepolis genutzt.
Von einer weiteren interessanten Neuauflage dieser dreifachen, auch als Große Konjunktion der Religionen bekannten Stellung der beiden Planeten berichtet der berühmte islamische Astrologe und Chronologe Abu Ma’shar el-Bachi, genannt Albumasar, gestorben 886 CE in Bagdad. Er schreibt in seinem "Buch der Tausend":
"Zwischen dem ersten Jahr des Jahres der Flut und dem ersten Tag des Jahres, in dem die Konjunktion war, die das Arabische Volk ankündigte, liegen 3671 Jahre."
Mit der "Konjunktion des arabischen Volkes" meinte Abu Ma’shar eine solch rare dreifache Jupiter- Saturn- Konjunktion im Sternbild Waage des Jahres 571 CE, knapp vor dem Auftreten Mohameds. 3672 Jahre vor 571CE liegt demnach das Jahr 3102 BCE! Und dieses Jahr 3102 CE jedoch hat es gleichsam in sich!
Der Beginn des indischen Zeitalters Kali Yuga wird vom berühmten indischen Astronomen Aryabhata mit einem Datum angegeben, das dem 17. Februar 3102 BCE entspricht, wo eine Konjunktion aller Planeten stattfand. (Ein Yuga dauert mind. 432 000 Jahre = 12 x 36000).
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass nach den eigenen Worten von Aryabhata 3600 Jahre des Kali Yuga abgelaufen sind, als er gerade 23 Jahre alt war. Aryabhata war also im Jahr 499 CE genau 23 Jahre alt.
Dieses Jahr 3102 BCE wird von vielen weiteren spätantiken Autoren als wichtiger Eckpunkt der Zeit genannt.
Die Persischen Sassaniden (224 -642 CE) beginnen ihre astronomische Tafeln (lt. Al Biruni „Zij ash-Shah“, die Tafeln des Shah, genannt) mit der Annahme eines gemeinsamen Startpunktes aller Planetenbewegungen im Jahr 3102 BCE bei einer Konjunktion in den Fischen. Der große Mathematiker, Physiker und Astronom B. L. van der Waerden (1903-1996 CE) hat sich eingehend diesem Thema gewidmet und äußerte sogar die Vermutung, das Datum dieser Planetenkonjunktion beruhe nicht auf einer historischen Überlieferung, sondern basiere auf einer Rückberechnung mit Hilfe der "ewigen Planetentafeln" durch die Astronomen der Spätantike.

Eine Neuauflage dieser Konjunktion aller Planeten fand übrigens am 5. Mai 2000 CE statt, und der Verdacht erhärtet sich schon zur Bestätigung, dass die Festlegung des Jahres 1 CE (anno ab incarnatione Jesu Christu, Abk.: 1 A.D.) durch den skytischen Mönchastronom Dionysius Exiguus (um das Jahr 530 CE) mit der gezielten Absicht so erfolgte, dass diese Konjunktion genau in das zweite Jahrtausend fällt. Dadurch ergibt sich nämlich auch eine logische Erklärung für die verflixten sieben Jahre zwischen der Jahreszählung und dem Stern von Bethlehem. Konnten nämlich die Perser und Inder zur selben Zeit 3600 Jahre auf den Beginn eines Zeitalters zu einer tatsächlichen Konjunktion (3102 BCE) mit Hilfe der bekannten Planetenperioden zurückrechnen, so konnte dies sicherlich zur selben Zeit auch Dionysius Exiguus für einen Zeitraum von 1500 Jahren in die Zukunft. Er hat damit das Ende des christlichen Zeitalters Fische (ICHTHYS) ebenso angepeilt, wie er der vermuteten Präzessionskonstante von 66,6 Rechung trug. Damit ergibt sich ja als Ausmaß der Präzession in 2000 Jahren der Wert von 30°, bzw. ein Sternzeichen. Dieser Wert dürfte orientalischen Sternkundigen und Eingeweihten damals als „Geheimnis der Offenbarung“ tradiert worden sein, wie sich in der Folge bei den arabischen Astronomen zeigt.
All die genannten Planetenkonstellationen lassen sich mit astronomischen Tafeln oder Computerprogrammen leicht berechnen. Ein Fehlen von 300 Jahren ist dabei unmöglich. Es gab z.B. erst im Jahr 967 CE wieder eine dreifache Jupiter- Saturn- Konjunktion in den Fischen. Da die beiden großen Planeten sehr präzise Bahnen ziehen, ihre dreifachen Konjunktionen (gleichzeitige Rückläufigkeit mit Planetenschleifen) aber vom jeweiligen Standort der Erde abhängen, und daher ungleichmäßig, sehr selten und gleichsam chaotisch verteilt sind, hinterlassen die Dreifachkonjunktionen eine unverwechselbare Spur in der Geschichte, speziell der Religionen. Ein Kalender kann gefälscht werden, den Lauf der Planeten selbst beeindruckt dies jedoch nicht.
Der Lauf aller Planeten wiederspiegelt sich, wie jedermann weiß, auch in Nativitäten, Horoskope genannt. Dieser Ausflug in die Astrologie soll jedoch nicht heißen, dass deshalb auch die charakterlichen und prophetischen Aussagen des Horoskops glaubwürdig sind, sondern er dient nur der Chronologie. Für ein 81 CE entsprechendes Jahr liegt nämlich ein griechisches Horoskop vor, in dem die Grade und Minuten nach den "ewigen Planetentafeln" berechnet und wieder gegeben sind. (Neugebauer und Van Hoesen, Greek Horoscopes, No 81). Der Originaltext sagt sogar, dass Planet Merkur im Äpogeum steht und dass die Bewegungen der "sieben Götter" von den "alten Männern unter den Ägyptern" sorgfältig studiert und nach den ewigen Tafeln berechnet wurden. Wie sollten die genauen Planetenpositionen dieses Horoskops auch heute noch stimmen, wenn 300 Jahre fehlen, wo doch die Stellung der Planeten zu jedem Zeitpunkt verschieden ist, und nur unter Zulassung einer entsprechenden Toleranz die Wiederholung einer Stellung möglich ist?